DELIRIUM hellwach
Die Wirklichkeit der Malerei und die Wirklichkeit der Welt.
Von Sid Gastl

Schon immer ging es um diesen einen Moment. Diesen Moment, in dem die Dinge in ihrer eigentlichen Seinsform sind. Wo das Sein, die Erscheinung und die Wirkung für einen Moment, und sei es ein Sekundenbruchteil, zusammenfallen. Dann hat man ein Bild. Dieses Destillat bedeutet uns oft mehr als die Realität in ihrer Vielzahl von zufälligen Erscheinungsweisen. Aber dennoch machen wir zumeist einen Abgleich mit dem Faktischen, um die Glaubwürdigkeit des Destillats zu überprüfen. Wenn es nicht zusammenpasst, muss ein anderes Konzept greifen: Märchenhaft, surrealistisch, allegorisch, karikiert. Dann kann man das, was man sieht, mit einem intellektuellen Konzept abgleichen und alles ist wieder im Lot. Doch das Reale ist eine Illusion. Wir brauchen tausend Filter um uns ständig zu vergewissern, dass alles in uns und um uns real ist, verlässlich ist, sicher ist - heute so ist und auch morgen so sein wird. Nimmt man nur einen der Filter heraus, begibt man sich bereits in Unsicherheit.

Was ist aber, wenn meine Empfindung und die Erscheinung von Etwas für einen Moment zusammenfallen, die Wirkung aber ungewiss ist. Ist das auch eine Form von Realem? Robert Musil hat in seiner kurzen Geschichte "Die Amsel" einen solchen Zustand beschrieben. Ein Mann ist in seiner Wohnung wach bis zum Morgen, während seine Frau im Bett schläft. Seine Wahrnehmung verändert sich durch seine Empfindung - und für Stunden auch seine Realität. Er sieht anders und fühlt anders. Danach hat sich auch das Faktische geändert, denn er geht aus der Wohnung und verlässt sie für immer. Wo soll ein Maler, der an Bedingungen des Realen interessiert ist die Grenze ziehen, wenn er die Realität eines Bildes konstruiert? Er kann es nur dem Betrachter überlassen, ob er sich auf diesen Wahrnehmungszustand einlassen will.

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