Vom scheinbar Ortlosen
Von Nicola Graef

Leblos erscheinen seine Räume, verloren. Ortlose Orte, lautloser Stillstand. Häuser sind zu sehen, Bäume, Landschaften. Hin und wieder eine Hecke, ein Pool, eine Mauer, nicht viel mehr. Dunkel, fast unheimlich erscheinen die Gegenden auf den Bildern, sie scheinen mehr, als dass sie da sind. Die Häuser stehen fast im Nichts, sind Mahnmale einer Idee von Leben, Surrogate menschlicher Umgebung. Doch dieses Leben lebt nicht, es hat sich verabschiedet. Zurück bleibt nur die Idee, dass es einmal da gewesen sein könnte.

Was wird sichtbar? Die Landschaften mit den Häusern sind arrangiert, sortiert, hingestellt. Bäume reihen sich aneinander, wie die Perlen auf einer Kette, sind hingestellt, die Häuser sitzen auf der Landschaft wie in einer Modellwelt - eine stimmige Choreographie und doch entfremdet. Durch die oft gewählte Perspektive von oben scheint alles klein, verkleinert, unwirklich. Die Bilder beschreiben mehr den Aufbau als das Abbild der Welt. Es geht um die Bezeichnung von Welt, weniger um die Bedeutung. "00:36 h" (1998), "Parole" (1999), "Fabrik" (2000) oder "Gelände" (2001) zeugen nicht von den menschlichen Bedingungen des Lebens, sondern von einem objektiven Zustand. So hat auch die Serie "Siedlung" (2003) keine menschliche Verbindung mehr. Es sind Geisterstädte, Planstädte, Modellbauten. Es bleibt nur noch der Name, "Siedlung". Für den Betrachter bleibt unklar was hinter den verschanzten Fenstern passiert. Es ist die Wiederkehr des Immergleichen, des grauenhaft Immergleichen.

Sid Gastls Arbeiten sind ambivalent: die Ordnung der Räume tut weh und schafft gleichzeitig Wehmut. Sind diese Bilder bedrohlich? Mag sein. Sind sie ironisch? Mag sein. Sid Gastl ist jedoch kein Zyniker. Er macht den Verlust spürbar, seine Bilder markieren eine Stille, die Spuren hinterlässt. Die Atmosphären entwickeln eine eigene Poesie, sind nie aufdringlich, gar laut. "Garten" (2004), "Zimmer" (2004), "Park" (2004) - Erinnerungen, Träume und Hirngespinste. Leise, vorsichtig, ohne Übermut. "Let me freeze to death" (2007) - erneut Häuser, aber immer unnahbarer. Die Schockstarre hat sich über alles gelegt, eingefroren in der Leblosigkeit. Alles ist verschoben, entfernt, losgelöst. Es sind Aufsichten, Versichten, Zwischensichten. Doch es gibt etwas, das sich immer wieder ins Bild drängt. Da ist dieses Licht, dieses Leuchten, das aus den Bildern herausstrahlt, sich der einnehmend düsteren Atmosphäre widersetzt. Als ob jemand mit einer großen Taschenlampe nach etwas sucht, und wenn es nur ein Schatten ist. Ein Schatten, der Echtheit, Dasein suggeriert. Das Licht nährt die Hoffnung, dass nicht alles reine Suggestion ist. Es schafft hell und dunkel, verdichtet die Atmosphäre.

Mehr und mehr Verdichtung. In der Serie "Zustand der Überprüfung" (2008) verflüchtigt sich alles, was an den Menschen erinnert endgültig. Dichter Wald, Baum an Baum, Verästelungen, Stämme. Die Natur erobert ihr Revier zurück. Die Abstraktion nimmt zu, das Licht bekommt immer weniger Platz. "Zustand der Überprüfung" - das klingt behördlich, unwäldlich, da duftet nichts nach Kiefernholz - da gibt es etwas zu erforschen, was mit dem Waldmannsheil, dem Märchen, dem Mythischen wenig zu tun hat. Da geht es um eine Korrektur, um einen Abgleich von dem, was Wald heißt und was Wald bedeutet, bedeuten könnte. Erneut geht es um eine Idee von etwas, das sich Wald nennt. Bei den Interieurs (2010) geht Sid Gastl einen Schritt weiter, oder zurück, denn es ist der Blick in die Häuser - erstmalig. Enthüllungen der Behausungen - Stühle, ein Teppich, eine Gardine. Sid Gastl wagt den Blick ins Innere, versucht, das Geheimnis hinter den Fenstern aufzuspüren. Doch auch im Inneren nimmt das Nichts Gestalt an. Doch es sind keine leeren Räume, keine toten Räume, sie sind verlassen, zurückgelassen. Sid Gastl ist ein Maler, der dem Bild vertraut. Mehr, so scheint es, als dem Menschen. Seine Arbeiten stehen für sich, sind da. Was er im Bild nicht braucht, braucht das Bild: den Betrachter, den Menschen. Als Korrektiv, als Beobachter, als Forscher und als jemanden, der aufpassen soll, was er sieht und was er meint zu sehen. Zu überprüfen, wo er selbst steht. Am Ende bleibt, was bleibt: die Einsamkeit. Das Alleinsein. Das Allein. Das Sein.

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