ZWISCHENRÄUME, Kunsthalle Göppingen 2012/13
Von Veronika Adam

Wenn sich Sid Gastl Innenräumen und Waldansichten widmet, weiß er um die Tradition dieser Bildinhalte. Die Vertrautheit des Betrachters mit diesen Bildthemen ermöglicht gerade hier eine Schärfung der Wahrnehmung. Wie wenig oder wie viel muss ein Maler dem Betrachter an gemalter Wirklichkeit geben, um ein assoziatives Spiel entstehen zu lassen? Als Maler konstruiert er eine zweite Wirklichkeit, an deren erfahrbarer Verschiebung sich ein interessanter Diskurs von Bild, Abbild und Realität ergibt und eben jene Zwischenräume entstehen lässt. Gastl zeigt Geheimnisse in den Dingen und ihren Sichtbarkeiten auf, ohne dass er den Schleier lüftet.

Zustand der Überprüfung
Innenräume und Waldansicht thematisieren in der Malerei seit jeher Orte der Innerlichkeit und Selbstfindung. In ihrer vermeintlichen Möglichkeit des Seelenspiegels bannen sie den Betrachter. Nüchtern betitelt Gastl die fünf gleich großformatigen Gemälde mit dem Thema Wald Zustand der Überprüfung. Ein "Stück Welt", so der Künstler, wird dem Betrachtenden gegenübergestellt. In ihrer Reihung und Fragmentierung erscheinen die Waldansichten wie Stichproben von Bildvorstellungen des Themas: Stadtwald, nächtlicher Wald, Bannwald, ... Sie bieten in ihrer kompositorischen Verschränkung dem Betrachtenden ein Gegenüber, das aus der Distanz geschaut werden soll. In seinen Gemälden lässt Gastl Abbilder und Vorstellungen von Wald erstehen und bindet den Betrachter in ein interessantes Gedankenspiel ein: All diese Bilder führen Ideen von Wald vor Augen. Eine Idee meint hier, wie Descartes und Locke sie subjektivistisch aufgefasst haben, das "Bild, das sich der Geist von einem Ding macht." Das mit dem Begriff anklingende Wesen von "Wald", das zugleich als sein Urbild und Musterbild gedacht wird, dem es in Wirklichkeit aber nur unvollkommen entsprechen kann. Die Idee von Wald ist vielgesichtig und veränderlich, nicht das eine platonische Urbild wird hier eruiert, sondern die postmoderne Streuung und Fragmentierung.

Gestimmtheit
Wenn ein Wohnraum nüchtern oder ein Waldstück unheimlich wirkt, so kann man das auf deren "Gestimmtheit" zurückführen. Gestimmtheit setzt sich nach Heidegger aus der Verschränkung von Raumbezogenheit und Vertrautheit in der Welt an. Das kollektive Unterbewusstsein ist reich an Bildern und Wissen von spezifischen Raumsituationen, "Gestimmtheiten", die man auch als Atmosphäre bezeichnet; die spürbare, aber unsichtbare Seite eines Raums.

Etui
Walter Benjamin beschreibt in seinem Passagenwerk den Innenraum als Innenwelt, die seinem Wunsch nach komfortabler Geborgenheit ebenso Rechnung tragen soll, wie seinem Bedürfnis nach Weltflucht. Das Interieur wird für ihn zum Etui, in dem sich die Spuren des Wohnenden abdrücken. "Wohnen heißt Spuren hinterlassen." Bilder von Räumen sind auch Bilder von Erfahrungen mit Räumen, Erinnerungen an gemütliches Sitzen und Wutausbrüche, an Fröhlichkeit und Verletzung. Ob Räume gefährlich sind oder ob sie behüten, die Seele beflügeln, die Körper wohlig sein lassen, die Flucht vor der Welt erlauben, das alles hängt ab von diesen Grenzen, die die Räume umgeben, die sie mit Fenstern öffnen oder Türen schließen. Einen Innenraum schaffen, bedeutet eine Grenze in unserem Erlebten zu ziehen: ein Innen und ein Außen zu bestimmen. Türen und Fenster durchbrechen diese Grenzen und verbinden Innenleben und Außenwelt.

Bildöffnungen
Sid Gastls Interieurs öffnen sich großzügig nach außen, allein dünne Fensterstege markieren rhythmisch die Grenze. Die Präsenz der Außenwelt ob Wald, Straße, Garten oder Wolken bestätigt die Idee des modernen Wohnkonzepts, Transparenz von innen und außen zu schaffen. Fließend gleitet der Blick vom Innenraum zur Welt dahinter. Die Grenze verschwimmt, gibt es ein bestimmbares Innen und Außen? Eine Markierung zwischen Wohnkultur und Natur, zwischen Kultiviertheit und Wildheit, Urbanem und Ländlichen? Unmerklich hebt sich die Beleuchtungssituation im Raum von der Situation draußen ab. Es scheint als wandele sich der spiegelnde Steinboden zur Wasseroberfläche, der Teppichboden besitzt in seiner dunklen Samtigkeit die Qualität von Waldboden, der Zweisitzer scheint von der Natur gepolstert zu sein (Glow 2012), die weiß schimmernde Tischdecke verwandelt sich zum Schneestreifen, die kugelförmige Deckenbeleuchtung wird zum Gestirn (Penthouse 2012). Keine schützende Membran hält die Natur außen vor. Gebannt steht man vor dem Bild und ist gedanklich in all die Metamorphosen verstrickt. Während man sich die Augen reibt, um vermeintlich genauer sehen zu können, muss man sich eingestehen, dass jedes einzelne noch so ruhige Interieur vielschichtig ist. Realität und Imagination, Vertrautes und Unvermutetes gehen Hand in Hand. Innen und Außen bleiben uneindeutig, überlagern und überblenden sich. Gastl hinterfragt die sichtbare Wirklichkeit und ihre Konsistenz: "Was bleibt ist das Geheimnis und das Wissen darum." Die Stunde scheint in diesen Räumen still zu stehen, obwohl gleichermaßen Lebensdauer zu verrinnen scheint, die Räume sich in der Zeit verorten lassen.

Delirium hellwach
Eine Reihe von kleinformatigen Werken, zusammengefasst unter dem Titel "Delirium hellwach", verdeutlichen die Absicht des Malers unter dem Aspekt der Realitätsbefragung, die schwebende Beziehung zwischen dem visuellen Reiz von außen und der Reaktion der Sinne aufzuzeigen. Erscheinungen und Empfindungen bilden den Grundakkord in diesen Werken, die sich von bisherigen Wirklichkeitsvorstellungen lösen und ihre Deutbarkeit verweigern. Das Bild wird zum Gewebe, nicht mehr wichtigerweise aus klaren Gegenstandmerkmalen konstruiert, sondern aus den subtilen Beziehungen von Farbe und Stofflichkeit. Ein zufälliger Alltagsauschnitt, ein Lebensfragment bildet den Ausgangspunkt bei der Bildfindung und wird zur künstlerischen Einheit. Innere Bilder verketten sich mit äußeren Erscheinungen. Von Inhalten befreit, zelebrieren diese kleinen Gemälde laut Gastl die Empfindung, die von den Dingen ausgeht. Zwischenräume tun sich auf, die wiederum Vorstellung und Realität befragen.

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